Das sind die größten inneren Hürden beim Berichteschreiben

 

Das sind die größten inneren Hürden beim Berichteschreiben

Neben den äußeren Problemen, die das Antragsschreiben mühsam machen (z. B. Zeitaufwand, geringe Vergütung, schwierige Orientierung in der Fülle der Theorien) gibt es viele innere Hürden.

Die inneren Widerstände kosten viel Energie. Mir ist es ein Anliegen, mit den in meiner Fortbildung befindlichen Hilfen Wege aufzuzeigen, wie der Bericht an den Gutachter, der Widerstand erzeugt, zu etwas wird, das als Ressource erlebt wird.

Was sind beim Schreiben des Berichts an den Gutachter im Gutachterverfahren die größten inneren Hürden?

(Die ausführliche Darstellung dieser Hürden finden Sie in meinem Handbuch Psychotherapieantrag im Buchteil A)

  • Widerstand gegen das Klassifizieren

Im Bericht an den Gutachter, z.B. im Umwandlungsbericht müssen wir an zahlreichen Stellen (wie Diagnose, Neurosenstruktur, unbewusster Konflikt) klassifizieren, also den Patienten in eine Schublade stecken, was Widerstände erzeugen kann.

  • Probleme mit dem Sich-Begrenzen

Eine der größten und zeitaufwendigsten Hürden beim Schreiben des Berichts an den Gutachter besteht im Verdichten und Zusammenfassen von Informationen.

  • Zuviel Empathie, zu wenig nötige Distanz

Vielleicht haben Sie es schon einmal vor oder während des Antragsschreibens erlebt, dass Sie zu nah an der Krankengeschichte des Patienten waren und ab einem bestimmten Punkt »den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen haben«. Achten Sie daher auf eine gedanklich-emotionale Distanz beim Antragsschreiben – gehen Sie einen Schritt zurück und gewinnen Sie Abstand.

  • Unterwerfungs- und Auflehnungskonflikte

Das Gutachterverfahren kann zur Projektionsfläche werden, auf der die Gutachter als Übertragungsfiguren (»Bösachter«; Sasse 2001) dienen, an die man eigene Über-Ich-Anteile delegieren kann. Man lehnt sich gegen sie auf, entwertet sie, unterwirft sich ihnen oder möchte sie durch besonders ausgearbeitete Texte beeindrucken. Aber wenn Sie innerlich für den Gutachter schreiben bzw. gegen den Gutachter anschreiben, ist dies eher schlecht, weil Sie dann nicht intrinsisch, sondern extrinsisch motiviert sind. Die unbewussten Unterwerfungs- und Auflehnungskonflikte zählen zu den häufigsten Ursachen für Schreibhemmungen und »Aufschieberitis« rund um den Bericht an den Gutachter.

 

  • Perfektionismus und Wahrheitsfindung

Das Verfassen von Antragsberichten treibt nicht selten zum Perfektionismus an. Es geht im Bericht an den Gutachter jedoch nicht um kognitive und literarische Glanzleistungen. Werfen Sie daher Ihren Perfektionsanspruch über Bord und sortieren und formulieren Sie diejenigen Informationen, die im Moment gültig sind. Jeder Bericht ist nur eine begründete Arbeitshypothese als Einstieg in eine therapeutische Beziehung.

Ein Seminarteilnehmer sagte einmal:

» Mir wurde durch die eigene Beschäftigung mit meinen inneren Reaktionen von früher deutlich, dass ich im Antragsschreiben bislang in einer Art Loyalitätskonflikt steckte. Ich meine damit, dass ich vorher immer das Gefühl hatte, mich in fremde Schuhe zu begeben, was ich nicht wollte. Ich bin neugierig geworden, jetzt innerlich mal ›Ja‹ zu sagen. Dieses Aha-Erlebnis ist für mich eine neue Chance, mich mit den Berichten neu auseinanderzusetzen. Das ist eine spannende Erfahrung. «

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Ingo Jungclaussen.

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