Projekt interaktive Videos Thema Neurosenstruktur

Neurosenstrukturen mit Hilfe interaktiver Videos lernenEin innovatives Lehr-Lern-Projekt an der Kölner FHM (2022)
(Nominiert für den FHM-Lehrpreis 2024)

Beschreibung des Lehr-Lern-Projekts:

Im Frühlings-Trimester 2022 unterrichtete Dr. Ingo Jungclaussen an der Fachhochschule des Mittelstands in Köln die Psychologie-Gruppe (26-K-VZ) im Aufbauwahlpflichtmodul Pädagogische Psychologie. Die Aufgabe bestand darin ein eigenes Lehr-Lern-Projekt zu konzipieren; und dieses unter der Betreuung von Dr. Jungclaussen eigenständig zu konzipieren, anzuwenden und auszuwerten. Der Bachelor-Student Herr Lennard Stein interessierte sich als Psychologie-Student stark für das Themenfeld der Persönlichkeitsstrukturen (im klinisch-therapeutischen Kontext spricht man auch von Neurosenstrukturen). Der Student entwickelte unter der Leitung von Dr. Ingo Jungclaussen vier interaktive Lern-Lehr-Videos, zu den o.g. vier Persönlichkeitsstrukturen (s. Bild).  (Das Projekt wurde für den Hochschul-Lehrpreis der FHM 2024 nominiert.)

Bei den Videos handelt es sich um sog. h5p Videos. Zentraler Bestandteil dieser h5p-Videos sind interaktive Schaltflächen, die im Videobild erscheinen. Wenn Lernende hierauf klicken, erhalten sie zu der jeweiligen Stelle Zusatzinformationen bzw. Fragen zu einem bestimmten Aspekt, der gerade im Video inhaltlich behandelt wird. So erhalten die Lernenden eigenaktiv die Möglichkeit, zu entscheiden, ob sie diese inhaltlichen Zusatzfunktionen (als Erläuterungs-Text oder Wissens-Frage) als Lernangebot individuell nutzen oder den Film erstmal weitersehen wollen (ohne interaktive Zusatzinfos). Gleichzeitig können sie auch entscheiden, wie oft sie diese Schaltflächen nutzen wollen, da man in den Videos beliebig oft hin und her wechseln kann. So gestaltet sich der Lernprozess individuell, interaktiv und selbstgesteuert.

Obiger Screenshot zeigt, eine interaktive Schaltfläche,

die zu einer Wissensfrage führt (Bild unten)

Herr Stein referiert im ersten Video-Teil fachlich fundiert in klaren anschaulichen Worten die psychologischen Hauptmerkmale der o.g. vier Persönlichkeiten. Danach wechselt er zusammen mit einer befreundeten Schauspielerin in ein Rollenspiel. Dargestellt wird je eine Liebes-Trennung. Da jede Persönlichkeit hierauf unterschiedlich reagiert, können wesentliche psychologische Merkmale und Unterschiede dieser vier Persönlichkeitsstrukturen lebendig exemplifiziert werden. Der Student konnte sich im Projekt durch sein eigenes Dozieren/Vortragen in der Rolle des Dozenten erproben, so dass in das Projekt auch „Empowerment“-Aspekte einflossen. Insbesondere zeichnete sich das Projekt durch ein hohes Maß an Eigenständigkeit aus, so dass die Studierenden in ihrer intrinsischen Motivation und ihrer persönlichen Entwicklung gefördert wurden. Das Lernvideo wurde am Ende durch interaktive Wissensüberprüfungsfragen entsprechend abgerundet, so dass die Lernenden die Gelegenheit hatten den eigenen Lernprozess am Ende individuell zu testen. Das Lehr-Lern-Projekt wurde nach seiner Fertigstellung anhand einer eigenen Stichprobe in der Praxis getestet und quantitativ wie qualitativ ausgewertet. Herr Stein setzte sich darüberhinaus mit den didaktischen Prinzipien sowie mit den Forschungsergebnissen zum Thema interaktiver Videos ebenso intensiv auseinander. Unterstützt wurde Lennard Stein durch eine befreundete Schauspielerin (Louisa S.) sowie Kommilitoninnen aus seinem Kurs, so dass auch die didaktische Methode des kooperativen Lernens durch das Projekt gefördert wurde.

Obiger Screenshot zeigt, eine interaktive Schaltfläche,

die zu einer Zusatzinformationen (Wissens-Text) führt (Bild unten).

Zur hp5-Technik:
H5P Videos haben in den letzten Jahren einen zunehmenden Einfluss in der Welt der Didaktik und des E-Learnings erfahren. Insbesondere seit der Veröffentlichung von Version 1.0 im Jahr 2017 hat sich die Plattform als beliebtes Werkzeug für die Erstellung interaktiver Inhalte etabliert. Der Erfolg von H5P in der Didaktik-Welt kann auf mehrere Faktoren zurückgeführt werden:

  1. Interaktivität: Lernende können auf interaktive Weise selbst entscheiden, ob und wie oft sie die zusätzlichen Lernfunktionen nutzen. Dies ermöglicht es Lernenden, ihre eigene Lernerfahrung aktiv zu gestalten und zu steuern. Indem sie interaktive Elemente wie Infokarten, Quizfragen, Drag-and-Drop-Aktivitäten und Simulationen nutzen, werden Lernende nicht mehr passiv dem Lernmaterial ausgesetzt, sondern sind aktiv in den Lernprozess involviert.
  2. Selbststeuerung: Dies fördert nicht nur ein tieferes Verständnis des Materials, sondern stärkt auch die Fähigkeit der Lernenden zur Selbsteinschätzung und Selbstregulation. Durch die Interaktion mit Lerninhalten können Lernende ihr eigenes Tempo bestimmen, Lücken in ihrem Verständnis erkennen und gezielt daran arbeiten, sie zu schließen. Sie können sich auf die Bereiche konzentrieren, die für sie am herausforderndsten sind, und zusätzliche Übungen durchführen, um ihre Fähigkeiten zu verbessern. Dies fördert ein individualisiertes Lernerlebnis, das den unterschiedlichen Bedürfnissen und Lernstilen der Lernenden gerecht wird.
  3. Motivation: Darüber hinaus stärkt die Selbststeuerung des Lernens durch Interaktivität die Lernmotivation und das Selbstvertrauen der Lernenden. Indem sie aktiv an ihrem eigenen Lernprozess teilnehmen und Fortschritte machen, fühlen sie sich befähigt und engagiert, ihr Lernen voranzutreiben. Dies kann zu einer nachhaltigen und eigenständigen Lernpraxis führen, die über das formale Lernen hinausgeht und lebenslanges Lernen unterstützt.
  4. Benutzerfreundlichkeit: H5P bietet eine benutzerfreundliche Oberfläche und eine Vielzahl von Vorlagen und Werkzeugen, die es Lehrkräften und Erstellern von Lerninhalten ermöglichen, interaktive Elemente ohne umfangreiche technische Kenntnisse zu erstellen.
  5. Open-Source und Kostenfreiheit: H5P ist eine Open-Source-Plattform, was bedeutet, dass sie kostenlos genutzt werden kann. Dies hat dazu beigetragen, dass H5P weit verbreitet und zugänglich ist, insbesondere in Bildungseinrichtungen mit begrenzten Budgets.
  6. Vielseitigkeit: Die Plattform bietet eine Vielzahl von Inhaltstypen, darunter interaktive Videos, Präsentationen, Quizfragen, Spiele und mehr. Diese Vielseitigkeit ermöglicht es Lehrkräften, verschiedene Lernstile und -ziele zu unterstützen.
  7. Integration in LMS und CMS: H5P kann nahtlos in eine Vielzahl von Learning Management Systems (LMS, z.B. Moodle) und Content Management Systems (CMS) integriert werden, was es Lehrkräften erleichtert, interaktive Inhalte direkt in ihre Kurse einzubinden.

Insgesamt trägt die Integration von interaktiven Elementen in Lerninhalte dazu bei, die Selbsteinschätzung, Selbstregulation und Motivation der Lernenden zu stärken, was wiederum zu effektiverem und nachhaltigerem Lernen führt. Insgesamt hat auch die Kombination aus Interaktivität, Benutzerfreundlichkeit, Kostenfreiheit, Vielseitigkeit und Integrationsmöglichkeiten dazu beigetragen, dass H5P in der Didaktik-Welt an Bedeutung gewonnen hat. Es kann konstatiert werden, dass H5P in den letzten Jahren eine zunehmende Verbreitung und Akzeptanz erfahren hat, insbesondere mit dem wachsenden Bedarf an digitalen Lernressourcen und Fernunterricht.

Abgabe der Leistung:

Die Leistung bestand in der Konzeption, Anwendung und Auswertung der o.g. 4 interaktiven Lernvideos. Die Leistung wurde im Rahmen einer Powerpoint-Präsentation (auch im dropbox-Ordner) präsentiert und im Plenum diskutiert. Teil seiner Präsentation war auch eine fachwissenschaftliche intensive Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen zum Themenfeld interaktiver Lernvideos. Der Kandidat erhielt für seine sehr gute Leistung die volle Punktzahl (1.0)

Synergie, Anschlussfähigkeit für die FHM:

Die interaktiven Videos sind im Rahmen eines Blended Learning/E-Learning-Ansatzes anschlussfähig an Selbstlernmodule in Learning Management Systemen, wie Moodle (FHM). Hier können diese entsprechend integriert und abgerufen werden.

Mit der Integration der h5p-Technik in seine Lehre und der angeleiteten Gestaltung von H5p-Videos inspirierte Dr. Jungclaussen sowohl Dozierende und Studierende der FHM, diese hochschuldidaktischen Elemente näher kennenzulernen. Weitere studentische Gruppen haben seinen Ansatz in Folgeprojekten aufgegriffen und angewendet. Dr. Jungclaussen hat seine Bereitschaft signalisiert FHM-intern Kolleginnen und Kollegen sowohl die Technik, als auch die hochschuldidaktischen Überlegungen kollegial näher zu bringen (Multiplikatoren). Weitere Verstetigung: Dr. Jungclaussen setzt die interaktiven Lern-Videos aktuell in seinen Bachelor- und Master Modulen in Klinischer Psychologie als zusätzliches Lernangebot der FHM ein, was von den Studierenden auch im aktuellen Jahr 2024 als besondere didaktische Bereicherung erlebt wird.

Ausblick:

Herr Lennard Stein konnte an der Kölner Universität einen Masterplatz Psychologie erhalten und möchte hiernach die Ausbildung zum approbierten Psychotherapeuten starten. Er steht mit Jungclaussen nach wie vor im persönlich-fachlichen Austausch.

Zusammenfassung:
Herr Lennard Stein hat unter der Leitung von Dr. Ingo Jungclaussen ein exzellentes und modernes Lehr-Lern-Projekt erstellt, das sowohl im Bereich Sorgfalt, Eigenständigkeit und Kreativität, als auch in praktischer Anwendung, sowie theoretischer Tiefe und Forschungsdarstellung einschließlich Anschlussfähigkeit an die Strukturen der FHM (online university), auf allen Ebnen überzeugt hat.

Verwendete Literatur:

  • Boesmann, U. (2006): Struktur und Psychodynamik Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung durch Psychotherapie. Berlin: Dpv.
  • Diekelmann (2018): Gedächtnis. In: Deizner, R. Online Lehrbuch der Medizinischen Psychologie und Medizinischen Soziologie. Berlin: German Medical Science GMS
  • Harder, S. (2017): LEHRVIDEOS. Einsatzbereiche im berufsbegleitenden Studium. o.V.
  • Fuchs-Kitowski (2001): Wissens-Ko-Produktion – Organisationsinformatik Verarbeitung, Verteilung und Entstehung von Informationen in kreativ-lernenden Organisationen. Gesellschaft für Wissenschaftsforschung
  • König, K. (1992): Kleine psychoanalytische Charakterkunde. Vandoeck und Ruprecht Verlag.
  • Riemann F. (1961): Grundformen der Angst und die Antinomien des Lebens. Ernst-reinhardt Verlag Roediger.
  • , L. & Karpicke, J., D. (2006): Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17(3), 249-255
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  • Rummer, R. & Schweppe, J. (2021): Komplexität und der Testungseffekt: Die mögliche Bedeutung der Verständnissicherung für den Nutzen von Abrufübung bei komplexem Lernmaterial. Unterrichtswiss., 50:37–52.
  • Schwickert, A., C., Hildmann, J. & Voß, C. (2005): Blended Learning in der Universität – Eine Fallstudie zur Vorbereitung und Durchführung. JLU Gießen – Arbeitspapiere Wirtschaftsinformatik – Nr. 9/2005
  • VDB (2020): URL: Interaktive Lernvideos und Schulungsvideos – Videodiebegeistern (videosdiebegeistern.com)
  • Vorderer (2018): Der Testing-Effekt: Wie Interaktionen Inhalte im Gedächtnis verankern. Universität Mannheim.
  • Wild & Moeller (2015): Pädagogische Psychologie. Springer Verlag.