Darum fällt Ihnen der Bericht so schwer (kl. Charakterkunde)

 

Das sind die Gründe warum Ihnen der Bericht an den Gutachter so schwer fällt.

 Kleine humorvoll gemeinte psychoanalytische Charakterkunde zum Berichteschreiben

Eine Vielzahl an Gründen erschweren eine einfache Abwicklung des Antragsschreibens, z. B. Arbeitsüberlastung, zeitliche Engpässe, Vernachlässigung des Antragsschreibens in der psychotherapeutischen Ausbildung, eigene theoretische Unsicherheiten, innere Widerstände, die eigene Persönlichkeit oder eine unübersichtliche und widersprüchliche Theorielandschaft.

Die folgende Auflistung enthält einige mögliche Formen innerer Widerstände und Konflikte, die das Verfassen des Berichts an den Gutachter erschweren können.

Vielleicht findet sich der ein oder andere in dieser eher humorvoll gemeinten Hypothesenauflistung wieder

Hypothesen zu inneren Widerständen und Konflikten beim Bericht an den Gutachter

Persönlichkeitsstruktur Mögliches inneres unbewusstes Erleben gegenüber dem Bericht an den Gutachter
Anal-zwanghafte Struktur »Ich mache etwas nicht, wenn es von mir verlangt wird! Ich unterwerfe mich dem System nicht.«

Oder anale Trennungsthematik (bei zu langen Berichten): »Ich kann mich so schlecht von meinen Gedanken und Überlegungen trennen und feile ewig an allem herum. Außerdem ist alles wichtig und muss rein.«

Oder anale Fixierung im magischen Denken: »Die Welt funktioniert magisch. Ich kenne keine Zeitbegrenzung und auch kein Ende wie in der realen Welt. Ich schiebe alles auf, weil ich in meiner magisch funktionierenden Welt unendlich viel Zeit habe.«

Narzisstische Thematik »Ist mir egal, was andere (z. B. der Gutachter) über meinen Patienten und meinen Therapieplan denken. Nur mein Tun zählt. Es ist in jedem Falle richtig. Ich brauche kein unqualifiziertes Urteil von so einem Gutachter.«

Oder: »Das, was ich von mir absende, muss so gut sein, dass es den Gutachter beeindruckt.

So brauche ich aber viel zu lange für alles.«

Scham-Thematik »In meinen Überlegungen gebe ich viel von mir preis. Ich zeige mich und kann es nach dem Abschicken nicht mehr rückgängig machen. Da ich das nicht will und kann, zögere ich alles ewig heraus oder brauche viel zu lange dafür.«
Hysterische Struktur »Wenn ich mit dem Antragsbericht anfange, wird irgendwann alles andere viel spannender. So fange ich immer tausend Sachen an und mache keine zu Ende.«

Oder hysterische Entgrenzungsthematik: »Ich halte mich an gar nichts, keine Zeiten, keine Regeln.«

Oder hysterische Entscheidungshemmung: »Ich kann mich nicht entscheiden. Ich sehe so viele Hypothesen und Gedanken. Alles ist so spannend und neu.«

Ödipale Thematik »Der Bericht an den Gutachter stellt einen Bericht an einen Dritten dar und somit eine triangulierende Begrenzung meiner eigenen unbewussten Fantasien von Omnipotenz, Zeitlosigkeit und harmonischer Übereinstimmung mit meinem Patienten. Ich erlebe das Gutachterverfahren unbewusst als bösartige Verfolgung, Kastration oder als ein Unterwerfungsritual und muss deswegen dagegen agieren« (nach Walz-Pawlita 2002).
Schizoide Thematik »Ich vergrabe mich tief in meine eigenen Überlegungen. Der Gutachter weiß, wie ich alles meine, und wird mich schon ›ohne Worte‹ verstehen und den Antrag bewilligen.«
Depressive Thematik »Ich kann doch nicht einfach so mit eigenen Intentionen auf den Gutachter zugehen und aktiv und lustvoll eigene theoretische und fachliche Schwerpunkte auswählen. Wenn ich das tue, werde ich zurückgewiesen, und der Antrag wird sicher abgelehnt. So gehe ich dem Antragsbericht besser gleich aus dem Weg.«

Oder: »Ich verleibe mir Ersatzobjekte ein und kaufe unzählige Fachbücher, aber lese sie nicht richtig. Trotzdem ist es gut, sie alle zu haben.«

 

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Ingo Jungclaussen.

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